Colonia Independencia - so heißt die ziemlich deutsch gesprägte Ansiedlung, der wir kürzlich einen Besuch abgestattet haben. Zwei Vorträge waren der Aufhänger um dort eine Woche bei Rebekka und Mike zu verbringen. Und wir haben es sehr genossen. Nicht nur weil wir uns mit den beiden sehr gut verstehen sondern auch, weil wir unter anderem eine schöne Wanderung machten. Das erste Mal haben wir sowas wie den Urwald gesehen, der ja noch vor einigen Jahrzehnten den Großteil des Landes bedeckt hatte. Außerdem "Berge", nicht gerade das Matterhorn oder der Mont Blanc aber zumindest etwas höher als das ewig-flache Campo, das bei uns in Yegros und Umgebung vorherrscht. Einen kleinen Wasserfall gabs auch zu sehen - schliesslich bei Nieselregen selbstgebackenes Roggenbrot mit Salami auf einer Lichtung zwischen Bananenstauden und Papayabäumen.
(Die Blüte auf dem Bild ist von einem Maracujastrauch)
Den deutschen Einfluss merkt man recht deutlich. Nicht nur, dass die Kassiererin im Supermarkt statt "veintitresmilquinientos" "dreiundzwanzigtausendfünfhundert" sagt, das Sortiment scheint für die anspruchsvollen Deutschen ebenfalls deutlich umfangreicher zu sein, als sonst üblich. Auch das Restaurant "Dorfschenke" zeugt von der teutonischen Vorherrschaft.
Aber so kamen wir mal wieder in den Genuss von Sauerkraut, Leberkäs und Wienerwürstchen...
Ein Nebeneffekt war ebenfalls, dass Mike uns Motorradfahren beigebracht hat. Da die Bürokratie hier ja deutlich niedrigere Hürden stellt waren auch kleine Ausflüge auf öffentlichen Straßen möglich. Spaß hat's gemacht. Vielleicht kaufen wir uns ja doch noch einen Führerschein (der dann auch gleich noch für Busse, LKWs, Traktoren etc. gilt...).
Währenddessen bauen wir unsere Kenntnisse weiter aus. Neueste Kapitel:
- Ich baue mir ein Fitnessstudio ...
- Ich backe eine Torte ...
- Ich baue eine Bambusbank ...
Ansonsten hatte wir vor kurzem ein Lagerfeuer bei uns im Garten gemacht. 5 Deutsche plus 1 Paraguayerin. Völlig unterschiedlich die Reaktionen darauf:
Während die Europäer sich über die urtümliche Romantik der über dem Feuer gebrutzelten Würstchen freuten, erschloss sich Margarita nicht so ganz der Sinn der ganzen Übung. Wozu draußen in der Kälte unbequem und langwierig ein Würstchen garen, wenn man doch auch innen sitzen und den Herd benutzen könnte - geht ja viel schneller und ist einfacher.
Aber eigentlich logisch, für sie hat das offene Feuer nichts mit Idylle zu tun. Vielmehr erinnert es sie an ihre Mutter, die in der Kindheit aus Ermangelung eines Gasherdes das Essen über dem Feuer bereitete (wie es heute immer noch sehr viele Paraguayer machen).
Während wir den gelgentlichen Ausbruch aus dem geregelten Zivilisationsalltag suchen, strebt man hier im Allgemeinen eher nach Kräften nach den "Errungenschaften" der modernen Gesellschaft.
Und noch was: Heute morgen bin ich, eingepackt in 5 Lagen Kleidung, mit Mütze und Handschuhen zum Einkaufen gegangen. Vor mir eine Mutter mit drei Kindern. Sie und ihre Tochter mit knielangem Rock (ohne Strumpfhose) und in Badelatschen. Obenrum ein leichtes Shirt. Dabei hatten sie immerhin sowas wie Schuhe, viele laufen einfach Barfuss herum. Und um die Nächte bei unter 5°C in einer schlecht gezimmerten Holzhütte mit Lehmfussboden beneidet man auch niemanden...