Montag, 16. November 2009

2. Runde

Nach 13 Stunden netto-Flugzeit kamen wir in einer gemütlichen brasilianischen Kleinstadt - dem heiligen Paulus zu Ehren nach ihm benannt - an.



Zur Hebung der Lebensqualität ist die gesamte Stadt verkehrsberuhigt.



Dazu trägt auch die umfangreiche Bepflanzung der öffentlichen Anlagen durch das Umwelt- und Begrünungsamt bei.



Aber jetzt im Ernst:
Sao Paulo ist ein Grauen! 20 Millionen Leute mit geschätzten 30 Millionen Autos. Dauerstau, Verkehrslärm, Abgasgestank. Dieses Kontrastprogramm haben wir anscheinend gebraucht um uns so richtig wieder auf unser Dorf Yegros freuen zu können.
Allerdings bezieht sich unsere leichte Abneigung ausschließlich auf die Stadt an sich. Die Leute haben unseren bereits zuvor bestehenden Eindruck noch verfestigt: Die Brasilianer sind das mit Abstand hilfsbereiteste, netteste, fremdenfreundlichste Volk, das wir kennen (ja, sogar noch mehr als die Franken!).
Ein paar Beispiele:
Am Flughafen holte uns ein Glaubensbruder (Marcos) ab.



Ihn kannten wir vorher ja nicht, dennoch war er bereit, uns einige Tage bei sich aufzunehmen, uns in der Gegend herumzukutschieren und den Fremdenführer zu spielen. Wohlbemerkt obwohl er auch arbeiten musste und nebenbei auch noch zwei Wochen später heiratet.
Weiteres Beipiel:
In Ermangelung eines eigenen Handys und dank Funktionsuntüchtigkeit (bzw. Bedienungsunfähigkeit) der öffentlichen Telefone,



war es notwendig, dass wir Passanten auf der Straße fragten, ob wir nicht das ihrige Telefon benutzen könnten. Nicht nur, dass wir immer jemanden gefunden haben (manchmal haben auch gleich 3 zusammengearbeitet um den Anruf zustande zu bringen). Alle haben sich vehement geweigert dafür etwas zu nehmen. Unser Favorit: Nachdem wir von dem Handy eines jungen Mannes aus Marcos gerufen und dieser uns auch ageholt hatte, klingelte auf der Heimfahrt im Auto das Handy. Wer rief an? Der junge Mann; er wollte sich erkundigen, ob Marcos uns denn auch gefunden hatte!

Noch zwei Impressionen:
Für alle die sich schon immer gefragt haben, wie denn die allseitsbeliebte Cashewnuss wächst (und auch alle anderen), hier die Antwort. Übrigens wird aus dem rot-gelben "Anhängsel" ein recht leckerer Saft.



Wofür ist Deutschland in aller Welt bekannt? Richtig, das Bier. Wobei man sich fragen muss, ob es nicht bessere Imageträger gäbe als den ALDI-Haus-und-Hof-Lieferanten. Man würde übrigens für den Preis einer Dose (ca. 2 €) auch einen Liter landestypischen Cachaca kaufen können. Die Caipirinha Freunde wissen Bescheid...

Mittwoch, 29. Juli 2009

Berge!



Colonia Independencia - so heißt die ziemlich deutsch gesprägte Ansiedlung, der wir kürzlich einen Besuch abgestattet haben. Zwei Vorträge waren der Aufhänger um dort eine Woche bei Rebekka und Mike zu verbringen. Und wir haben es sehr genossen. Nicht nur weil wir uns mit den beiden sehr gut verstehen sondern auch, weil wir unter anderem eine schöne Wanderung machten. Das erste Mal haben wir sowas wie den Urwald gesehen, der ja noch vor einigen Jahrzehnten den Großteil des Landes bedeckt hatte. Außerdem "Berge", nicht gerade das Matterhorn oder der Mont Blanc aber zumindest etwas höher als das ewig-flache Campo, das bei uns in Yegros und Umgebung vorherrscht. Einen kleinen Wasserfall gabs auch zu sehen - schliesslich bei Nieselregen selbstgebackenes Roggenbrot mit Salami auf einer Lichtung zwischen Bananenstauden und Papayabäumen.
(Die Blüte auf dem Bild ist von einem Maracujastrauch)









Den deutschen Einfluss merkt man recht deutlich. Nicht nur, dass die Kassiererin im Supermarkt statt "veintitresmilquinientos" "dreiundzwanzigtausendfünfhundert" sagt, das Sortiment scheint für die anspruchsvollen Deutschen ebenfalls deutlich umfangreicher zu sein, als sonst üblich. Auch das Restaurant "Dorfschenke" zeugt von der teutonischen Vorherrschaft.
Aber so kamen wir mal wieder in den Genuss von Sauerkraut, Leberkäs und Wienerwürstchen...

Ein Nebeneffekt war ebenfalls, dass Mike uns Motorradfahren beigebracht hat. Da die Bürokratie hier ja deutlich niedrigere Hürden stellt waren auch kleine Ausflüge auf öffentlichen Straßen möglich. Spaß hat's gemacht. Vielleicht kaufen wir uns ja doch noch einen Führerschein (der dann auch gleich noch für Busse, LKWs, Traktoren etc. gilt...).



Währenddessen bauen wir unsere Kenntnisse weiter aus. Neueste Kapitel:
- Ich baue mir ein Fitnessstudio ...


- Ich backe eine Torte ...

- Ich baue eine Bambusbank ...


Ansonsten hatte wir vor kurzem ein Lagerfeuer bei uns im Garten gemacht. 5 Deutsche plus 1 Paraguayerin. Völlig unterschiedlich die Reaktionen darauf:
Während die Europäer sich über die urtümliche Romantik der über dem Feuer gebrutzelten Würstchen freuten, erschloss sich Margarita nicht so ganz der Sinn der ganzen Übung. Wozu draußen in der Kälte unbequem und langwierig ein Würstchen garen, wenn man doch auch innen sitzen und den Herd benutzen könnte - geht ja viel schneller und ist einfacher.
Aber eigentlich logisch, für sie hat das offene Feuer nichts mit Idylle zu tun. Vielmehr erinnert es sie an ihre Mutter, die in der Kindheit aus Ermangelung eines Gasherdes das Essen über dem Feuer bereitete (wie es heute immer noch sehr viele Paraguayer machen).
Während wir den gelgentlichen Ausbruch aus dem geregelten Zivilisationsalltag suchen, strebt man hier im Allgemeinen eher nach Kräften nach den "Errungenschaften" der modernen Gesellschaft.

Und noch was: Heute morgen bin ich, eingepackt in 5 Lagen Kleidung, mit Mütze und Handschuhen zum Einkaufen gegangen. Vor mir eine Mutter mit drei Kindern. Sie und ihre Tochter mit knielangem Rock (ohne Strumpfhose) und in Badelatschen. Obenrum ein leichtes Shirt. Dabei hatten sie immerhin sowas wie Schuhe, viele laufen einfach Barfuss herum. Und um die Nächte bei unter 5°C in einer schlecht gezimmerten Holzhütte mit Lehmfussboden beneidet man auch niemanden...

Montag, 29. Juni 2009

Ullas Reise

Nachdem die letzte Zeit einfach nichts außergewöhnliches passiert ist, wollten wir darauf warten, bis ich (Ulla) von meiner Reise mit meiner Schwester Evi zurückkomme. Am Montag den 1. Juni bin ich von Yegros los. Von Asunción aus haben wir einen Bus nach Resistencia in Argentinien genommen und hofften, dort einen weiteren zur Provinzhauptstadt Saltas zu bekommen.
Leider fuhr keiner mehr am gleichen Tag und da der Ortskern mit seinen Youth Hostels nicht schnell und leicht zu erreichen war, haben wir dort im Busterminal "übernachtet". Geschlafen haben wir zwar nicht, trotzdem aber die Schlafsäcke ausgepackt und auf dem Camping-Gaskocher Tee gekocht, denn kalt war es schon ziemlich. Außerdem haben wir die Zeit genutzt, eine heiße Dusche zu nehmen. Nachdem wir dort am Terminal erfahren haben, dass Tucumán (ebenfalls Provinzhauptstätdchen) so schön sein soll, sind wir halt dahin gefahren. Das war wirklich eine gute Entscheidung, denn trotz unserer großen Sight Seeing-Tour war mir diese Stadt die Liebste. Gut, wir sind ja auch nur durch 3 Städtchen in Argentinien gekommen.





Dort haben wir auch eine Spanierin getroffen, die auf ihrer Südamerika Reise ihren Freund, der Argentinier ist, kennengelernt hat und jetzt gemeinsam ein Grundstück in den Anden kaufen möchten, um sich dort ein Häuschen zu bauen, um dann autark leben zu können. Sie hat mir ein großes Buch aus den 70ern gezeigt, in dem eigentlich alles beschrieben wird; vom Leder gerben bis zur Herstellung von Wolle ect. Schön irgendwie, allerdings wäre mir das in diesem Leben etwas zu viel Gefummel mit dem bloßen Alltäglichen.

Ich verliere mich in Details; jedenfalls sind wir am 4. Juni ziemlich früh mit dem Bus los, mit dem wir auch so gute 7 Stunden unterwegs waren, um zu den "Quilmes-Ruinen" zu kommen. Bis dorthin sind wir noch 5 km mit unseren großen Rücksäcken gelaufen. Ich hatte es mir schlimmer vorgestellt, wir sind angekommen. Zuerst haben wir uns was auf dem Gaskocher zu Essen gemacht und dann sogar eine Führung über die Präkolonialen Ruinen genommen. Der Führer hatte trotz Hunger auch noch betont, dass er bei uns ja doppelt so viele Worte brauche, um uns alles zu erklären, da wir des Spanischen nicht besonders mächtig sind.





Auf dem Rückweg konnten wir per Anhalter bei einem netten Paar mitfahren, die auf Arbeits- Urlaubsreise waren. Eigentlich wollten wir uns nur die 5 km zurück zur Bushaltstelle mitnehmen lassen, aber nach dem die beiden sowieso auch durch Salta wollten... (Sie Sängerin, er Musikproduzent. Sie hat uns ihre Musik z.B. Bolero und Tango eingelegt und dazu selbst gesungen). Dazu das Panorama der uns umgebenden roten Felsen in der Abendsonne ... Sie hat mir eine Kopie ihrer Musik gemacht, bzw von der CD, an der sie im Moment arbeitet. Durch diese Mitfahrtsgelegenheit haben wir uns also eine Nacht in Cafayate gespart, es war schneller, bequemer, schöner und billiger.

In Salta haben wir die Zusammenkunft der Zeugen Jehovas besucht. Wir waren von deren Gastfreundschaft und Interesse überwältigt. Das führte auch dazu, dass wir für Samstag Abend bei Glaubensbrüdern zum Essen engeladen wurden. Am Sonntag sind wir gleich nach der Versammlung nach Jujuy weiter. Den Tag darauf haben wir uns zu den siebenfarbigen Bergen aufgemacht. Nachdem uns die Stunde wandern nicht völlig ausgelastet hat und wir uns mit "Humitas" vollgeschlagen haben, wollten wir an der Routa entlang laufen und evtl. einen Bus anhalten. Nach 2 Stunden wandern hielten wir eine kleinen alten Peugout mit 3 Arbeitern an, da kein Bus und sonst auch nichts anhielt um uns mitzunehmen. Der war auch so langsam unterwegs, um anhalten zu können und glücklicherweise wollten die auch in die Stadt Jujuy. Als wir den Fahrer am Schluss 2 Traktate mit biblischen Themen geben wollten, eröffnete er uns, er sei auch Zeuge Jehovas! Er hat uns auch gleich zu sich eingeladen, denn seine Töchter und Frau würden sich auch freuen, uns kennenzulernen. Wir wollten aber packen, da wir planten, am nächsten Tag nach Chile zu fahren. Trotzdem gab er uns seine Telefonnummer, falls wir etwas bräuchten. Toll, überall auf der Welt finden wir offene Arme.

Wir haben zwar schon von der Warnung gelesen, die Höhe, die wir auf der Fahrt nach Chile erreichen würden, könnte Kopfschmerzen, Schwindel ect. verursachen. Volltreffer! Mein Erkältung und der niedrige Blutdruck bzw schwacher Kreislauf hat mich dazu veranlasst, mich auf 5 000 Meter in den Gang des Busses auf den Boden zu legen und einem Herrn meine nach Käse stinkenden Wollsocken, die ich schon Tage getragen habe, entgegenzustrecken. Die Evi hat mir von der Cola gegeben und der nette Busbegleiter eine Sauerstoffmaske....

In San Pedro de Atacama angekommen, haben wir nur ein günstiges Hostel gesucht, Glühwein gekocht und sind früh ins Bett gegangen.
Am nächsten morgen haben wir das "Valle de la Luna" (Tal des Mondes) bewandert. 18 km hin, 18 zurück. Gerne hätten wir auch so eine Sternebobachtungs-Tour mitgemacht, die wir uns aber aus Ermangelung an Geld nicht leisteten. Wir rechneten aber damit, dass es auf unserer 36 km Wanderung auf dem Heimweg schon dunkel sein würde. So war es auch und so konnten wir mit bloßen Augen die Milchstraße sehen. Overwhelming!
Darauf folgte Glühwein und zeitiges Zu-Bett-Gehen, denn wir wollten um 3 Uhr morgens aufstehen, um bei einer Tour zu dem Vulkan El Tatio dabei zu sein, der sich in der Región de Antofagasta befindet und Teil der Anden östlich der Atacama-Wüste ist.







Von San Pedro de Atacama werden regelmäßig Tagesausflüge zu einem seiner Krater in ca. 4280 Meter ü. NN angeboten, in dem sich Geysire und heiße Quellen befinden. Von 110 eruptierenden Quellen wurden mehr als 80 als echte Geysire identifiziert, und über 30 andauernd aktiv. Besonders eindrucksvoll ist die Beobachtung kurz nach Sonnenaufgang. Die Fontänen sind nicht sehr hoch (69 cm durchschnittlich aller heißen Quellen, 76 cm durchschnittlich für echte Geysire), aber es ist das größte Geysirfeld der Südhalbkugel und nach jenem im Yellowstone Nationalpark und Dolina Giezerov in Russland das drittgrößte weltweit. Hier befinden sich schätzungsweise 8 % der Geysire der Welt. Die Wassertemperatur liegt bei 86 °C. Wir haben sogar die Gelegenheit genutzt in einer warmen Quelle (heiß war sie nicht) zu baden.






Unser letzten gemeinsamen Abend haben wir redend sowie Bier trinkend, bei Stromausfall an einer schönen Feuerschale verbracht.

Mein Heimreise hat am Freitag früh begonnen (früher als geplant, da mein Budget höchstgradig überreizt war), zurück über Salta, wo ich nochmal ne Nacht verbringen musste und von dort über Asunción weiter nach Yegros. In San Pedro an der Bushaltestelle hab ich gleich zwei Buben aus Neumarkt in der Oberpfalz getroffen, mit denen ich mal wieder bayrisch reden konnte, denn sie haben mein angeeignetes bayrisch gelten lassen. Die beiden wollen in Regensburg studieren, und suchen eine Wohnung mit offenem Kamin Sie haben mir versprochen, ich dürfte auch in das Herrenzimmer, falls ich mal vorbei käme. Das sollte mir zu Denken geben...

Sonntag abend wurde ich von Michael mit Röstis und selbstgemachtem Apfelmus empfangen.

Die Evi ist am Freitag früh in San Pedro de Atacama zum Treffpunkt, um in den Predigtdienst zu gehen.



Mittlerweile hat sie sich mit Samuel in La Paz Bolivien getroffen.

Donnerstag, 2. April 2009

Meer sehen

Zuerst:
Wer sich schonmal gewundert hat, warum man manche Bilder nicht in Originalgröße ansehen kann, wir wissen es auch nicht.
Jedoch kann man wohl unter:
http://picasaweb.google.com/vglrll24/MuellerInParaguay?authkey=Gv1sRgCNKToeCZ7NOKiAE#

Wir waren im Urlaub. Brasilien sollte es sein, Flórianopolis. Eine Insel an der Atlantikküste. Was in Deutschland ziemlich exotisch klingt, ist hier ein beliebtes Ziel (wenn auch nicht für den durchschnittlichen Paraguayer, der kann sich das nicht leisten).
Nach schlappen 23h Fahrt von Asunción aus (nachdem wir zuerst 3 schöne Tage bei Samuel und Evi verbracht haben) kamen wir tatsächlich an - und machten gleich den Kardinalfehler der unerfahrenen, übernächtigten Touristen: Wir ließen uns von einem Wohnungsvermittler am Busterminal bequatschen. Da wir erstens nicht wussten, was wir genau wollten und zweitens beide nur ungern Entscheidungen treffen, kam es, dass wir in einem kleinen Fischerdorf im Süden landeten, wo wir eigentlich nicht so richtig hinwollten. Dumm nur: alles schon im Voraus bezahlt. Aber ein Anruf am nächsten Tag hilft, wir können nochmal wechseln, und das sogar ohne großes Draufzahlen. So kamen wir schließlich nach Barra da Lagoa, einem recht angenehmen Touristenort, zentral gelegen.
An unserer ersten Station hatten wir gleich noch öfter mehr Glück als Verstand. Bei einer abendlichen Strandwanderung fiel Ulla plötzlich auf: "Ist das nicht meine Handtasche, die da im Sand liegt?". Tja, die hatten wir wohl vorher dort liegen lassen und somit zufällig wieder gefunden. Auch das Handy hat die Nacht ganz allein am Strand gut überstanden und Michaels vergessene Sonnenbrille im Auto des Wohnungsvermittlers haben wir Dank unseres Ortswechsels ja glücklicherweise auch wieder bekommen...

Ansonsten war das Wetter eher durchwachsen, so dass wir einige Wanderungen unternommen haben. Einmal fand sich Michael am Ende einer solchen auf einem Privatgrundstück mit hohem Zaun und verschlossenen Türen wieder, im Rücken einen Herkunftsweg ohne Rückkehr. Der Haushüter hat ihn netterweise (nach einiger Verwunderung) doch noch rausgelassen.
Eine weitere Wanderung (in Badeschlappen und mit gerade einmal 1,5 l Wasser) führte uns über etwa 16 km in ca. 4 h nach Hause. Den größten Teil davon am Meer entlang im Sand (!); wir hatten uns etwas verschätzt, von oben dachten wir der Strand ist nur 5 km lang, tatsächlich waren es aber 12,5 km.

Auch wenn es nach diesen Schilderungen nicht so aussieht: Insgesamt war es sehr gelungen und ausgesprochen schön. Das Meer ist toll, die Wellen gewaltig, die recht unberührten Hänge mit Blick bis zum Horizont traumhaft. Und ein Caipi in Brasilien am Strand hat auch was für sich.

Überhaupt ist Brasilien, so weit wir das beurteilen konnten, landschaftlich sehr reizvoll. Auch die Menschen sind überdurchschnittlich attraktiv, nicht nur äußerlich. Sie haben sich auch als ausgesprochen hilfsbereit erwiesen. Mehrmals haben sie uns sogar ungefragt weitergeholfen (unser fragender Blick schrie wohl nach Hilfe) und uns teilweise sogar bis zum gewünschten Ziel begleitet. Einer stürzte sich zu unserer Rettung sogar in die wilden Fluten...

Danach standen die Wasserfälle am Dreiländereck (BRA-ARG-PAR) auf dem Programm. Aus Zeitmangel nur die argentinische Seite. War dort zwar ziemlich viel los, aber es ist schon ein beeindruckendes Schauspiel wie die Wassermassen des Río Paraná herabstürzen. Außerdem haben wir gelernt: Wir gehen schon als Südamerikaner durch. Dank unserer unbeschränkten Aufenthaltsgenehmigung mussten wir nur die Hälfte des Touristenpreises bezahlen.

Nach schließlich dreimaligem Übertritt der brasilianischen Grenze an einem Tag, gestrichenen Busverbidungen, Umsteigen nachts um zwei Uhr und insgesamt nochmal sechs Stunden Fahrt sind wir dann ziemlich geschafft frühmorgens wieder in Yegros angekommen - und konnten uns mal wieder davon überzeugen, dass man hier aufgrund geringer Lichtverschmutzung nachts einen phantastischen Blick auf die Milchstraße hat...















Samstag, 7. März 2009

Kleine Landeskunde

Falls sich mal jemand gefragt haben sollte, was wir denn so treiben außer viel in den Dienst zu gehen, die Zusammenkünfte vorzubereiten und zu besuchen und Wohnungen zu renovieren: Ein kleiner Einblick in unsere Freizeitgestaltung:


Ulla hat schon so einiges aus Leder hergestellt: Bucheinbände, Handtaschen, Geldbörsen. Leder ist hier ja leicht zu bekommen und auch nicht so teuer.Außerdem hat sie das Häkeln erlernt und auch schon angewendet. Wie auf dem Foto ganz rechts zu sehen, hat sie außerdem festgestellt, dass man aus herumliegenden Rinderhörnern wunderbar Brauchbares herstellen kann: z.B. einen Räucherstabhalter.


Michael versucht (mit eher mittelprächtigem Erfolg) den Gemüsegarten zu kultivieren. Außerdem wurde ein Versuch zur Weinherstellung gestartet. Nach ersten Befürchtungen es sei Essig geworden, stellte sich später heraus: Alles halb so schlimm, es ist immerhin Most und gut trinkbar. Schmeckt sogar eigentlich recht gut.


Hier wieder ein bisschen was vom gelegentlichen Einblick in Land und Leute Thema 1 "Moral":
Die Anführungszeichen sind hier wirklich angebracht. Klar haben wir, gerade auch auf Grund unserer religiösen Überzeugung, einen etwas strengeren Maßstab, aber das hiesige, übliche Verhalten dürfte wohl allgemein in unserem Kulturkreis Befremden hervorrufen. Einige "Highlights":
- Eheliche Treue: nicht vorhanden. Nach der Schätzung eines Bekannten dürfte es im Dorf wohl 6-7 Männer geben, die ihrer Frau treu sind. Wer nicht nebenbei noch seine "chicai" (span-guar. f. "junges Mädchen") hat wird als Sklave seiner Gattin betrachtet.
- Jugend: Während in Deutschland Handykameras auf Schulhöfen für selbstgedrehte Prügelvideos missbraucht werden, nutzt man sie hier für sex filme "caseras" (hausgemacht). Der Nachbarsjunge mit der Schwester oder sonstige beliebige Kombination - früh übt sich. Woher wir das wissen: Man erzählt es ganz offen...
- Prostitution: Es gibt keine offiziellen Bordelle. Braucht man aber auch nicht. Hier kann es einem passieren, dass sich einem ein 13 jähriges Mädchen auf der Straße selbst anbietet (was sie auch einem beliebigen 75 jährigen gegenüber tut). Oder ihre Mutter erledigt das für sie. Kostenpunkt: Irgendwas zwischen 3-5 €, oder eine Monatspauschale. Für manche ist das natürlich zu teuer, aber die haben ja meist Töchter... Verhütet wird logischerweise nicht. Kinder entweder abgetrieben oder oft auch zur Welt gebracht. Daher auch die vielen jungen Mütter. Mit 22 schon drei Kinder? Kein Problem. Konsequenz: Hier wird man schnell mal Tante oder Onkel bevor man überhaupt geboren wurde (darüber sollte man mal nachdenken...).

Das soll jetzt nicht hämisch klingen: Die Leute sind hier ja zu 90% katholisch. Die Priester gehen aber nicht eben mit ruhmreichem Beispiel voran. Hier laufen Unmengen Priesterkinder 'rum und vor kurzem war es DAS Thema im Ort, dass der neue Priester mit einer verheirateten Frau beim "beichten" im Bett von deren Ehemann überrascht wurde (man hatte ihm einen Tipp gegeben).

Ein Erklärungsversuch geht dahin, dass nach einigen Kriegen die Paraguay v. a. mit Bolivien geführt hatte, die männliche Population stark dezimiert worden war. Daher fielen alle Grenzen und jeder noch übrige, zeugungsfähige Mann sollte zum Staatswohl möglichst viele Kinder mit möglichst vielen Frauen haben. Der allgemein in Lateinamerika ausgeprägte Machismo ist vielleicht auch deswegen, hier noch stärker vorzufinden.


Thema 2 "Schulbildung":

Immer wieder trifft man auf ältere Menschen, die nicht lesen und schreiben können. Das erwartet man ja schon mehr oder weniger. Etwas schockiert waren wir kürzlich von einer 17 Jährigen zu hören, dass sie nur zwei Jahre zur Schule ging und deswegen Analphabetin ist. Aber das ist noch zu toppen! In zwei aufeinanderfolgenden Häusern haben wir mit Jungs im Alter von 12-13 Jahren gesprochen. Beide in der 7 Klasse und beiden können quasi gar nicht lesen (was ihnen zugegeben peinlich war).
Da fragt man sich natürlich, was sie die ganzen Jahre in der Schule gemacht haben. Vor allem aber verwunderlich: Wie haben sie es überhaupt in die 7. Klasse geschafft? Schließlich stellt jede Stundenmitschrift, jedes Buch, sogar das Lesen der Prüfungsaufgaben ganz zu schweigen vom Beantworten dieser eine unüberwindliche Hürde dar. Rückt man hier für reine Anwesenheit vor?
Zugegeben, das Schulsystem unterscheidet sich stark von unserem Westeuropäischen. Der Fokus liegt eindeutig auf dem Auswendiglernen vorgekauter Infos und dem späteren wortgetreuen Widergeben dieser. Die Tochter einer Bekannten hatte sich deswegen mal mit einem Lehrer angelegt: Er hatte ihr Punkte abgezogen, weil sie einen Sachverhalt nicht exakt wie besprochen, sondern in eigenen Worten (wenn auch richtig) widergegeben hatte.
Zudem ist die Schulaussattung mangelhaft: Es gibt Klassenzimmer, die nur über ein kleines Fenster verfügen (und das bei bisweilen 40 °C im Schatten!), viele Stühle sind kaputt (sodass manche Eltern ihren Sprösslingen zu Jahresbeginn erstmal einen Stuhl kaufen müssen) und die Lehrer sind oft total unqualifiziert (es gibt hier eine Englischlehrer der nicht in der Lage ist, einen vollständigen, vernünftigen Satz in dieser Sprache zu sprechen).
Schule = Bildung gilt hier wohl nicht unbedingt...

Noch was in eigener Sache:
Einige haben uns dankenswerterweise Fotos per Mail geschickt. Darüber freuen wir uns sehr. Jedoch bitte in Zukunft die Dateigröße der Bilder vor dem Versenden etwas verkleinern (Tipp: In Paint öffnen und wieder speichern). Die Segnungen der 16 Mbit DSL Flatrate sind leider in Paraguay noch nicht zu haben, daher war die 16 Mb Mail kürzlich doch etwas viel...

Samstag, 31. Januar 2009

Landkinder auf Stadturlaub

Wir waren bei Samuel und Evi zu Besuch. Den deutschen Kongress in Asuncion nahmen wir zum Anlass um eine gute Woche bei ihnen zu bleiben. Die Tage waren schon um einiges ereignisreicher als bei uns auf'm Dorf.
Am Sonntag nach dem Kongress hatte David eine Menge Leute eingeladen. Um diese nicht hungern zu lassen wurde am Samstag eines der drei Schweine geschlachtet (auf dem Foto sieht man sie noch alle glücklich vereint bei ihrer höchst gesunden Nahrungsaufnahme - Mangos). Auch wenn keiner der Beteiligten Schlachter oder Metzger ist, war es doch deutlich "humaner" als wenn ein Paraguayer ein Tier tötet. Während man bei diesen oft minutenlang erbärmliches Schweinegeschrei hört, hat Berta (so hieß die gute Sau), wohl noch nicht mal gemerkt was ihr blüht. Ein Schuss, dann ein Schnitt - das war's. Und geschmeckt hat's auch.


Ein Bruder aus Asuncion hat etwas außerhalb ein Campo (Viehweide). Wir durften dort zu siebt zwei Nächte an einem Flußlauf campen. Ab und zu kamen Kühe oder Pferde zum Baden vorbei, aber viel häufiger hatten wir Mücken zum Essen da (sie uns, nicht wir sie). Sehr schön war's trotzdem. Wir haben über dem Feuer gegrillt, konnten endlich mal reiten, haben im Fluß (=Kuhbadewanne) geplanscht und in der Hängematte gedöst.


Während dieser Tage reifte auf Michaels Arm auch die schöne Wunde, die auf dem Foto zu sehen ist. Zu Beginn sah es aus wie ein ziemlich großer, eitriger Pickel am Unterarm. Bald war es entzündet, dick, schmerzhaft. Schließlich hat er eine zufällig getroffene Schwester um Rat gefragt, die Tierärztin ist (was beim Schwein hilft, kann beim Menschen nicht schaden). In einer Spontanoperation hat sie die Wunde geöffnet und gereinigt. Dabei eine Menge Eiter zu Tage gefördert wie es kein Gesicht eines Vollpubertierenden 16 Jährigen produziert. Es blieb ein ziemlicher Krater. Einhellige Laiendiagnose: Spinnenbiss.





Auf der Rückfahrt von Asuncion haben wir dann auch noch unseren spanischen Kongress in Coronel Oviedo mitgenommen. Spannend war vor allem das letzte Stück Heimfahrt. Es hatte geregnet und wir sind hier großteils auf Erdstraßen unterwegs. War schon spannend in einem großen Reisebus zu sitzen, der wild über die Piste schlingert und dessen Räder durchdrehen. Wir dachten schon wir müssen dort übernachten. Dann hat unser freundlicher Busfahrer noch einen unglücklichen Kollegen samt dessen Gefährt auf dem Graben gezogen. Spannend war's; Bilder gibt's davon keine, alle drei Akkus waren leer.

Der nette gut gebräunte Herr mit Gitarre ist ein Bruder aus unserer Versammlung. Er war mal semiprofessioneller Musiker, weshalb wir öfter mal Kostproben hören. Aber wirklich gut, wenn man paraguayische Folklore mag.



Noch ein kleiner Eindruck vom Leben hier:
Es gibt in diesem Land mehr Arbeitskräfte als Arbeitsplätze. Dieser Überschuss hat für die, die Arbeit haben unangenehme Folgen. Wir unterhalten uns öfter mit der hiesigen Postangestellten. Ihre Arbeitsbedingungen:
- Obwohl Staatsangestellte, erhält sie nicht einmal den gesetzlichen Mindestlohn (umgerechnet derzeit ca. 220 €)
- Urlaub: Fehlanzeige, und das seit 16 Jahren. Auf dem Land gibt's das nicht. Selbst auf die Beerdigung ihrer Mutter durfte sie nicht.
- Krankheit: Im Arbeitsvertrag nicht vorgesehen. Eine Kollegin von ihr, die sich einer Operaion unterziehen musste wurde beinahe rausgeschmissen.
- Arbeitsräume: In ihrem eigenen Haus. Mit Publikumsverkehr. Das wird erwartet, Miete erhält sie dafür keine.
- Selbstversändlich benutzt sie ihr Motorrad und ihren Sprit für Dienstfahrten - Erstattung gibt es nicht.
Warum macht sie's dennoch? Tut sie es nicht, steht schon der nächste bereit. Wohlbemerkt, sie ist Staatsangestellte, in der Privatwirtschaft ist es noch eher schlechter (z. B. wird noch viel weniger gezahlt, Krankenversicherungsbeiträge nicht abgeführt, Rentenanspruch nicht erworben).