Ulla hat schon so einiges aus Leder hergestellt: Bucheinbände, Handtaschen, Geldbörsen. Leder ist hier ja leicht zu bekommen und auch nicht so teuer.Außerdem hat sie das Häkeln erlernt und auch schon angewendet. Wie auf dem Foto ganz rechts zu sehen, hat sie außerdem festgestellt, dass man aus herumliegenden Rinderhörnern wunderbar Brauchbares herstellen kann: z.B. einen Räucherstabhalter.
Michael versucht (mit eher mittelprächtigem Erfolg) den Gemüsegarten zu kultivieren. Außerdem wurde ein Versuch zur Weinherstellung gestartet. Nach ersten Befürchtungen es sei Essig geworden, stellte sich später heraus: Alles halb so schlimm, es ist immerhin Most und gut trinkbar. Schmeckt sogar eigentlich recht gut.
Hier wieder ein bisschen was vom gelegentlichen Einblick in Land und Leute Thema 1 "Moral":
Die Anführungszeichen sind hier wirklich angebracht. Klar haben wir, gerade auch auf Grund unserer religiösen Überzeugung, einen etwas strengeren Maßstab, aber das hiesige, übliche Verhalten dürfte wohl allgemein in unserem Kulturkreis Befremden hervorrufen. Einige "Highlights":
- Eheliche Treue: nicht vorhanden. Nach der Schätzung eines Bekannten dürfte es im Dorf wohl 6-7 Männer geben, die ihrer Frau treu sind. Wer nicht nebenbei noch seine "chicai" (span-guar. f. "junges Mädchen") hat wird als Sklave seiner Gattin betrachtet.
- Jugend: Während in Deutschland Handykameras auf Schulhöfen für selbstgedrehte Prügelvideos missbraucht werden, nutzt man sie hier für sex filme "caseras" (hausgemacht). Der Nachbarsjunge mit der Schwester oder sonstige beliebige Kombination - früh übt sich. Woher wir das wissen: Man erzählt es ganz offen...
- Prostitution: Es gibt keine offiziellen Bordelle. Braucht man aber auch nicht. Hier kann es einem passieren, dass sich einem ein 13 jähriges Mädchen auf der Straße selbst anbietet (was sie auch einem beliebigen 75 jährigen gegenüber tut). Oder ihre Mutter erledigt das für sie. Kostenpunkt: Irgendwas zwischen 3-5 €, oder eine Monatspauschale. Für manche ist das natürlich zu teuer, aber die haben ja meist Töchter... Verhütet wird logischerweise nicht. Kinder entweder abgetrieben oder oft auch zur Welt gebracht. Daher auch die vielen jungen Mütter. Mit 22 schon drei Kinder? Kein Problem. Konsequenz: Hier wird man schnell mal Tante oder Onkel bevor man überhaupt geboren wurde (darüber sollte man mal nachdenken...).
Das soll jetzt nicht hämisch klingen: Die Leute sind hier ja zu 90% katholisch. Die Priester gehen aber nicht eben mit ruhmreichem Beispiel voran. Hier laufen Unmengen Priesterkinder 'rum und vor kurzem war es DAS Thema im Ort, dass der neue Priester mit einer verheirateten Frau beim "beichten" im Bett von deren Ehemann überrascht wurde (man hatte ihm einen Tipp gegeben).
Ein Erklärungsversuch geht dahin, dass nach einigen Kriegen die Paraguay v. a. mit Bolivien geführt hatte, die männliche Population stark dezimiert worden war. Daher fielen alle Grenzen und jeder noch übrige, zeugungsfähige Mann sollte zum Staatswohl möglichst viele Kinder mit möglichst vielen Frauen haben. Der allgemein in Lateinamerika ausgeprägte Machismo ist vielleicht auch deswegen, hier noch stärker vorzufinden.
Thema 2 "Schulbildung":
Immer wieder trifft man auf ältere Menschen, die nicht lesen und schreiben können. Das erwartet man ja schon mehr oder weniger. Etwas schockiert waren wir kürzlich von einer 17 Jährigen zu hören, dass sie nur zwei Jahre zur Schule ging und deswegen Analphabetin ist. Aber das ist noch zu toppen! In zwei aufeinanderfolgenden Häusern haben wir mit Jungs im Alter von 12-13 Jahren gesprochen. Beide in der 7 Klasse und beiden können quasi gar nicht lesen (was ihnen zugegeben peinlich war).
Da fragt man sich natürlich, was sie die ganzen Jahre in der Schule gemacht haben. Vor allem aber verwunderlich: Wie haben sie es überhaupt in die 7. Klasse geschafft? Schließlich stellt jede Stundenmitschrift, jedes Buch, sogar das Lesen der Prüfungsaufgaben ganz zu schweigen vom Beantworten dieser eine unüberwindliche Hürde dar. Rückt man hier für reine Anwesenheit vor?
Zugegeben, das Schulsystem unterscheidet sich stark von unserem Westeuropäischen. Der Fokus liegt eindeutig auf dem Auswendiglernen vorgekauter Infos und dem späteren wortgetreuen Widergeben dieser. Die Tochter einer Bekannten hatte sich deswegen mal mit einem Lehrer angelegt: Er hatte ihr Punkte abgezogen, weil sie einen Sachverhalt nicht exakt wie besprochen, sondern in eigenen Worten (wenn auch richtig) widergegeben hatte.
Zudem ist die Schulaussattung mangelhaft: Es gibt Klassenzimmer, die nur über ein kleines Fenster verfügen (und das bei bisweilen 40 °C im Schatten!), viele Stühle sind kaputt (sodass manche Eltern ihren Sprösslingen zu Jahresbeginn erstmal einen Stuhl kaufen müssen) und die Lehrer sind oft total unqualifiziert (es gibt hier eine Englischlehrer der nicht in der Lage ist, einen vollständigen, vernünftigen Satz in dieser Sprache zu sprechen).
Schule = Bildung gilt hier wohl nicht unbedingt...
Noch was in eigener Sache:
Einige haben uns dankenswerterweise Fotos per Mail geschickt. Darüber freuen wir uns sehr. Jedoch bitte in Zukunft die Dateigröße der Bilder vor dem Versenden etwas verkleinern (Tipp: In Paint öffnen und wieder speichern). Die Segnungen der 16 Mbit DSL Flatrate sind leider in Paraguay noch nicht zu haben, daher war die 16 Mb Mail kürzlich doch etwas viel...
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